Zeugentypen – heute: der Gutmensch

Von Tucholsky stammt das Zitat: „Das Gegenteil von böse ist nicht gut, sondern gut gemeint.“

Besonders gut meint es immer ein Zeugentyp, nämlich der Gutmensch.

Der Gutmensch als Zeuge verneint entschieden die Frage nach Verwandtschaft oder Schwägerschaft mit dem Angeklagten. In seiner Familie geht man nicht mal bei Rot über die Ampel. Was Farben anbelangt hat die ganze Welt bitte bunt zu sein und sich um ihn zu drehen. Derart im Zentrum seines Mikrokosmos stehend versteht sich der Gutmensch darauf, allerlei karitative Veranstaltungen ins Leben zu rufen, was früher oder später in Einträge in goldende Bücher und Verleihungen diverser Verdienstorden mündet. In seiner Heimatstadt ist er bekannt wie der sprichwörtlich bunte Hund und wenn er wochenends im örtlichen Supermarkt einkauft, dauert dies Stunden, weil er alleine zwischen Fleischtheke und Gemüsestand ein Dutzend Leute trifft, bei denen er entweder für eines seiner Projekte wirbt, deren Eheproblemen er sich annimmt oder denen er klarmacht, dass vom Partymachen allein noch keiner reich, geschweige denn ein guter Mensch, geworden ist. Des Sendungsbewusststeins übervoll vergisst er große Teile seiner Einkaufsliste, was zur Folge hat, dass seine Gattin, eine etwas gehetzt wirkende Frau mit Einlegefrisur, kurz vor Ende der Ladenöffnungszeit nochmal auf die Rolle muss, damit auch genügend Mehl im Hause ist, das geschwind zu einem Kuchen für die sonntägliche Wohltätigkeitsveranstaltung verarbeitet wird.  
Sein Engagement ist für sich genommen höchst lobenswert, aber was es bedeutet, Gutes zu tun und permanent darüber zu sprechen, offenbart sich einem, wenn ein solcher Gutmensch als Zeuge aussagt.

Die Sache läuft so lange rund wie die Fragen unkritisch sind und keine Erinnerung an Details erfordern.

Kritische Fragen hingegen werden empört zu umschiffen versucht, indem er an den „gesunden Menschenverstand“ appelliert und keinen Zweifel daran aufkommen lässt, dass alleine er mit Selbigem ausgestattet ist. Hakt man nach oder formuliert eine geschlossene Frage, antwortet der Gutmensch in epischer Redseligkeit gleichsam entlang des heißen Breis unter Verweis auf eine seiner zahlreichen Ehrenämter.

Anstrengend sind sie, diese Vernehmungen von Gutmenschen, denn sie dauern lange und am Ende ist man gehalten, das Wenige herauszufiltern, das der Gutmensch zum Tatvorwurf ausgesagt hat – neben all seinen guten Taten bleibt da nicht viel.