Strafverteidigertag

06.59 Uhr Der erste Mandant steht schon vor der Tür, sieht ein wenig lädiert aus, stinkt wie ein Puma und ist alles andere als nüchtern. Sein Problem, er weiß von anderen, dass ihn die Polizei sucht, weiß aber nicht, warum. Erleichterung nach meinem Telefonat mit der Polizei: Man sucht ihn wegen einer Zeugenaussage, weil man ihm vor das Brett gehauen hat. Der haut ab und ich öffene die Fenster, er weiß, warum.

08.01 Uhr Die Ehefrau des nächsten Mandanten ruft an und teilt mit, dass ihr Mann nachts wegen irgendwelcher Zigaretten verhaftet worden sei und in der JVA Lüneburg auf meinen Besuch wartet.

09.00 Uhr Amtsgericht Salzgitter. Komplizierte Fahrerlaubnisangelegenheit mit Erwerb einer polnischen Fahrerlaubnis, nachdem die deutsche Behörde eine MPU verlangt hatte. Freispruch.

09.45 Uhr Abfahrt Amtsgericht Salzgitter in Richtung JVA Lüneburg. Ich lasse die Details der Fahrt über die Landstraße aus Eigensicherungsgründen mal weg, die Starenkästen kenne ich, ansonsten muss die Krawallschüssel rollen. Ankunft 11.10 Uhr.

Gespräch mit dem neuen Zigarettenmandanten, dem man vorsorglich gleich mal die Bildung einer kriminellen Vereinigung in den Haftbefehl gezimmert hat. Weiteres Mandantengespräch wegen einer Revision wegen versuchten Totschlags und noch einer wegen Raubes. Abfahrt 13.00 Uhr.

14.00 Uhr Amtsgericht Soltau. Einschlägig vorbestrafter Mandant soll betrogen haben. Von der Staatsanwaltschaft ist ein Referendar erschienen. Mit dem Richter kann man reden. Ich lenke das Vorgespräch in Richtung 154 StPO, der Richter springt an, findet die Idee gut, macht sie zu seiner eigenen und begleitet vorsorglich den Referendar bei dem obligatorischen Telefonat mit dem Ausbilder oder Sachbearbeiter, damit das auch klappt. Klappt dann natürlich auch.

14.45 Uhr Was gäbe ich für eine versteckte Kamera, als ich die Gesichter der angeblich betrogenen vor dem Saal wartenden Zeugen sehe, als ich mit meinem Mandanten den Gerichtssaal verlasse, dabei meine Robe ausziehe und höflich noch einen schönen Tag wünsche.

15.45 Uhr JVA Hannover, mit Mandanten Anklage besprochen, 17.15 Uhr JVA Sehnde, mit Mandanten Strafvollstreckungsfragen geklärt, 19.00 Uhr im Büro.

Das schreibe ich nicht, um zu meckern, mir macht der Job gerade auch an solchen Tagen Spaß! Ich schreibe das für die Mandanten von vielen Strafverteidigern, die sich darüber beklagen, wie schwer Strafverteidiger erreichbar sind.

Solche Tage sind übrigens kein Einzelfall!

6 Gedanken zu „Strafverteidigertag“

  1. „Einen schönen Tag noch“ ist ja die einzig legale Art, jemandem zu sagen was für ein Depp er ist.

  2. Hat die „Krawallschüssel“ zwei oder vier Räder? Letzteres, nehme ich doch an?

  3. Ich hätte nicht Lust mich mit solchen Mandanten rumzuschlagen. Dann doch zickige Programmiererei 😉

  4. @02
    Auf zwei Rädern wär es eine Reisschüssel XX Blackbird, hier war es aber ein an allen vier Rädern dampfender R32. Schnell sind sie beide.

  5. Das ist eine recht anschauliche Erklärung der Redensweise, „Gib‘ Gummi!“ 😉

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