Post an einen Mandanten

Ich wurde dem Mandanten zum Pflichtverteidiger bestellt. Die Staatsanwaltschaft hat den Erlaß eines Strafbefehls beantragt, mit dem eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten verhängt werden soll. Auch wenn diese Strafe zur Bewährung ausgesetzt wird, ist dem Angeschuldigten ein Pflichtverteidiger zur Seite zu stellen, § 408b StPO. Soweit, sogut.

Ich habe die Akten bekommen und die Anschrift des Mandanten, den ich mehrfach freundlich angeschrieben habe. Und ich habe ihn gebeten, sich zu melden, damit wir uns bei einer Tasse leckerem italienischen Caffé über seine Verteidigung unterhalten können.

Man wirft ihm eine gefährliche Körperverletzung vor, aber es gibt keine unmittelbaren Tatzeugen mehr, weil die angeblich Verletzte sich nicht äußern muß und wird. Es steht also nicht in Stein gemeißelt, daß die Beweislage für eine Verurteilung reicht.

Und was macht der Mandant? Nichts! Er rührt sich nicht. Er meldet sich weder auf den ersten Brief, nicht auf den zweiten und auch nicht auf den dritten. Telefonnummer oder eMail-Adresse läßt sich nicht ermitteln.

Ich weiß aber um die Hemmschwellen, die manchen Menschen haben, wenn sie zu einem Strafverteidiger gehen sollen. Deswegen habe ich nun einen letzten Versuch gestartet:

Postkarte01 550x825 Post an einen Mandanten

Ich schicke ihm eine Postkarte, allerdings im verschlossenen Umschlag. Handschriftlich, damit es weniger „offziell“ wirkt:

Postkarte02 550x590 Post an einen Mandanten

Auch wenn das alles nicht so elegant aussieht, wie er es vom einem Rechtsanwalt erwartet wird: Vielleicht hilft das aber, die Schwelle zu senken. Wenn der Mandant allerdings auf so eine Post dann auch nicht reagiert, kann ich ihm wirklich nicht helfen. Es wäre jammerschade …