Die ewige Frage nach dem Motiv

Am ersten Prozesstag bestreitet der allein stehende Angeklagte die Vorwürfe, sich an den Kindern seiner Schwestern vergangen zu haben. „Alles ist falsch bis auf den Porno.“ Den aber habe sich die Nichte einmal selbst ausgesucht, als er in der Küche hantiert habe. „Dass ich blöd dastehe, weiß ich selber“, sagt er. „Aber ich habe sie nicht angerührt.“

Doch sollte er zu Unrecht belastet werden, dann bliebe für den Vorsitzenden Richter Manfred Teiwes eine große Frage bislang unbeantwortet: die nach dem Motiv. „Es müsste einen Sinn machen, den Onkel durch eine falsche Beschuldigung in den Knast zu bringen.“ Die Nichten und Neffen sowie deren Mutter hätten einen Komplott schmieden müssen. Aber warum? Eine Antwort darauf wissen weder Familienangehörige noch der Angeklagte. „Dazu fällt mir nichts ein“, sagt sein Bruder.

Quelle: newsclick

Der Zeitungsbericht über einen beliebigen Missbrauchsprozess. Und wieder die unausweichliche Frage an den Angeklagten, welches Motiv hinter einer Falschbelastung stecken soll. Davon einmal abgesehen, dass es Aufgabe des Gerichts und nicht des Angeklagten ist, ein solches Motiv zu finden, fällt es auf, dass in solchen Fällen nicht selten Motive, wenn sie denn gefunden werden, nicht dazu führen, dass in dubio pro reo freigesprochen wird, sondern dass solche Motive dann so lange relativiert werden, bis sie keine mehr sind.