Der Staatsanwalt und die kleinen Abweichungen

Auch hier wieder ein „schöner“ Fall von überzogener Zielstrebigkeit eines Mitarbeiters der angeblich „objektivsten Behörde der Welt“. So lobt sich die Staatsanwaltschaft selbst gern über den grünen Klee.

Nach dem Sachverhalt in der Strafanzeige soll mein Mandant mit einem Kleintransporter nach einer ausgedehnten Zecherei zum Bahnhof gefahren sein. Dort seien zwei Frauen und ein Mann ausgestiegen, er als Fahrer soll über dem Lenkrad bei laufendem Motor eingeschlafen sein. Der Zeuge gibt noch an, daß der Fahrer blond gewesen sei.
Ein dies beobachtender Zeuge hat die Polizei verständigt. Die wecken meinen Mandanten unsanft, schleifen ihn mit auf die Wache, Blutprobe. Das Ergebnis reicht für zwei zur Fahruntüchtigkeit.

Führerschein ist also vorläufig weg, es kommt die Anklage. Vielleicht auch deshalb, weil die Polizei am Vorfallstag einen Entlastungszeugen rüde weggeschickt und dessen Angaben nicht zur Kenntnis nehmen wollten.

In der Hauptverhandlung erzählte der Belastungszeuge dann seine Geschichte: Er hätte den Wagen 2x gesehen. Beim ersten Mal seien drei Frauen ausgestiegen und zum Bahnsteig gegangen. Dann sei der Transporter schnell und etwas schlingernd weggefahren. Kurz darauf sei er wiedergekommen und ein Mann wäre ausgestiegen. Dann sei der schwarzhaarige Fahrer eingeschlafen. Er habe die Polizei gerufen, die sei nach gut 15 Minuten gekommen. Er selbst habe den Abend und die ganze Nacht ordentlich getrunken und würde seinen Pegel auf zwei Promille schätzen.

Die Vorsitzende kaum Fragen, die Widersprüche waren ihr wohl gar nicht so aufgefallen. Der Sitzungsvertreter stellte nur Fragen, die schon beantwortet waren. Dann versuchte ich dem Zeugen klarzumachen, daß diese Geschichte nun so überhaupt nicht zu dem paßt, was er Grün-Weiß erzählt hat: unterschiedliche Anzahl von Fahrten und Frauen, unterschiedliche Haarfarbe etc.

Der Zeuge mußte dann einräumen, daß er sich eigentlich gar nicht mehr erinnern kann. Nun gut…

Dann kam der ermittelnde Beamte, von dem auch die Sachverhaltsdarstellung stammt. Der erwähnte so in einem Nebensatz was von zwei Fahrten und betete sonst den Inhalt seiner Darstellung runter. Richterin keine Fragen, Staatsanwalt auch nicht. Also mußte ich wieder auf die Ungereimtheiten los. Auf Vorhalt dieser Unstimmigkeiten und Frage, von wem er denn die Infos für seine Sachverhaltsdarstellung hätte, kam die entwaffnende Antwort: „Eine Fahrt oder zwei ist doch egal, für mich zählte nur, daß der betrunken gefahren ist.“ Damit hatte er meine Frage zwar nicht beantwortet, aber er blieb auch nach erneuter Frage bei seiner Antwort. Nach weiteren Fragen von mir:man sei so in fünf oder sechs Minuten vor Ort gewesen, bei dem Zeugen sei ihm nichts aufgefallen.
Dann kam unser Entlastungszeuge. Der Angeklagte und er hätten in der Disco zwei Mädels kennengelernt. Der Angeklagte sei aber total voll gewesen und habe sich zwischenzeitlich in den Transporter schlafen gelegt. Da er selbst keinen Führerschein hat, hätten die Mädels einen Fahrer organisiert. Der habe sie dann alle mit dem Transporter zum Bahnhof gefahren. Er sei dann mit den Mädels hoch zum Bahnsteig. Als er wieder zum Auto kam, sah er noch die Polizisten, die seinen Kumpel abführen wollten. Der Fahrer wäre verschwunden gewesen. Er habe den Polizisten erklären wollen, daß ein anderer gefahren sei, aber das hätte die nicht interessiert.

Der Staatsanwalt wurde endlich wach und versuchte den Zeugen mit der Androhung eines Ermittlungsverfahrens zur Korrektur seiner Aussage zu nötigen. Der blieb aber ganz cool und meinte nur, daß er ruhig ermitteln solle, er habe hier die Wahrheit gesagt.

In seinem Plädoyer überging der Staatsanwalt geflissentlich alle Widersprüche und beantragte die Verurteilung mit Entziehung der Fahrerlaubnis und Sperre. Ich walzte hingegen die Unstimmigkeiten so breit, daß letztlich die Vorsitzende nicht daran vorbei kam und freigesprochen hat. Den Führerschein hat sie meinem Mandanten gleich ausgehändigt.

Die Berufung des Staatsanwalts läuft.