Bundesgerichtshof theoritisiert an der Realität vorbei

Der erste Strafsenat des BGH hat die Frage danach, ob ein vernünftiger Angeklagter die Besorgnis haben darf, dass eine Dolmetscherin befangen sein könnte, weil sie während des Ermittlungsverfahrens mit der Polizei zusammengearbeitet hat, damit beantwortet, dass es natürlich sinnvoll ist, dass eine Dolmetscherin mit der Polizei zusammenarbeitet.

Dass aber ein vernünftiger Angeklagter in seiner Hauptverhandlung besorgt sein darf, dass diese Quasi-Polizistin nunmehr nicht die richtige Dolmetscherin sein könnte und auf einer unabhängigen Sprachmittlerin besteht, die jedenfalls in diesem Verfahren nicht mit der Polizei zusammengearbeitet hat, wird nicht einmal andiskutiert.

Wie heißt es in Schule und Fernsehen. Sechs, Setzen!

BUNDESGERICHTSHOF
BESCHLUSS
1 StR 331/07
vom
28. August 2007

Ergänzend bemerkt der Senat:

Die Befangenheitsrüge gegen die Übersetzerin D. nach § 74 StPO i.V.m. § 191 GVG ist zulässig, aber unbegründet.

Selbst wenn aber die Übersetzerin im Ermittlungsverfahren mit der Polizei zusammengearbeitet haben sollte, so begründet dies keine Besorgnis der Befangenheit. Wenn die Polizei die Hinzuziehung einer sachverständigen Übersetzerin zur notwendigen Ermittlungsarbeit für erforderlich hält, so ist es gerade der Sinn, dass beide zusammen arbeiten.

3 Gedanken zu „Bundesgerichtshof theoritisiert an der Realität vorbei“

  1. Was der BGH gemeint hat, sollte doch eigentlich klar sein: Eine Dolmetscherin, die im Ermittlungsverfahren mit der Polizei – lediglich – „zusammenarbeitet“, wird dadurch noch nicht zur „Quasi-Polizistin“. Kann man auch nicht ernstlich bestreitet.

  2. Ein Dolmetscher muss 1:1 übersetzen, ohne Freiraum für Interpretation oder womöglich Beurteilung. Das ist prinzipiell überprüfbar (notfalls durch einen anderen Dolmetscher). Um einen solchen wegen Misstrauens abzulehnen, bräuchte es meines Erachtens schon knallharte Gründe, die ich hier nicht sehe.

  3. Eine Übersetzung ist in den seltensten Fällen 1:1. Da gibt es viel zu wissen und zu beachten, nicht nur was die Sprache angeht, sondern auch die Kulturen, die hinter den Sprechern stehen. Scot W. Stevenson erklärt das regelmässig sehr schön – und er überrascht mich immer wieder.

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