Der fliegende Barhocker oder: entscheidend is aufm Platz

Die Sachverhaltsschilderung in der Strafanzeige las sich dramatisch: mein Mandant soll erst einer jungen Frau ein Weizenbierglas auf dem Kopf zerschlagen und dann deren ihr zu Hilfe eilendem Freund eins mit einem Barhocker übergezogen haben.

In der Anklage war dann vom Barhocker nichts mehr zu lesen und das Glas war auch heilgeblieben. Nach gut 18 Monaten haben wir nun versucht, Licht in das Dunkel zu bringen. Die Zeugen konnten sich an so gut wie nichts mehr erinnern, auch der Vorhalt der alten Aussagen bei der Polizei brachte keine Erinnerung zurück. Der hilfreiche Freund konnte nicht einmal mehr angeben, ob er bei der Rangelei auf dem Rücken oder auf dem Bauch liegend Schläge einstecken mußte.

Diese Info wäre auch dafür wichtig gewesen, ob er die Herkunft des fliegenden Glases hat sehen können. Alle Geschädigten haben jedenfalls in ihren damaligen polizeilichen und heutigen Vernehmungen nichts von einem Barhocker erzählt. Das Auftauchen in der Sachverhaltsschilderung konnten sie nicht plausibel erklären. Der Türsteher konnte sich nur noch daran erinnern, daß ihm irgendeiner direkt nach dem Vorfall was von einem Barhocker erzählt hat.

Dann kam die letzte Zeugin: die Polizistin, die den Sachverhalt aufgenommen hat. Ich erlebte eine angenehme Ãœberraschung. Nicht nur, daß sie ausgesprochen attraktiv war und in ihrer neuen blauen Uniform sehr gut aussah, sondern auch deshalb, daß an ihr die immer wieder vermutete Schulung für Polizisten zur möglichst nichtssagenden Beantwortung von Verteidigerfragen vorbeigegangen sein muß. Sie hat alle meine Fragen sehr freundlich, ausführlich und immer mit einem Lächeln beantwortet.
Sie konnte sich noch daran erinnern, daß am Tatort von einem als Schlaginstrument benutzten Barhocker und einem Glas die Rede war. Sie hätte dabei gestutzt, weil ihr die Verletzungen nicht kompatibel erschienen. Die Infos aus dem Sachverhalt könnten eigentlich nur von den Geschädigten stammen.

Die Staatsanwältin setzte sich in ihrem Plädoyer souverän über die Ungereimtheiten hinweg, in ihren polizeilichen Vernehmungen hätten sich die Zeugen doch gut erinnert, also Verurteilung.

Ich habe dann die alte Fußballweisheit eingeführt und darauf verwiesen, daß es auf die Erinnerungen der Zeugen in der Verhandlung ankommt. Alte Aussagen sind nur mit besonderer Vorsicht zu genießen. Bei den hier vorliegenden eklatanten Unterschieden in den einzelnen Aussagen könne das Gericht nicht die für eine Verurteilung erforderliche Ãœberzeugung gewinnen.

Die Vorsitzende sah das ebenso und hat konsequent freigesprochen. Neben mir hat es ziemlich gerumpelt, als meinem Mandanten die Steine vom Herzen gefallen sind.

Wir warten jetzt darauf, ob es zum Landgericht in die Verlängerung geht.

Bitte recht freundlich – OWi-Seminar in Bonn am 28.10.06

Am 28.10.06 veranstalten Frau Kollegin Linda Schwarzer und ich ab 11 Uhr in der Meckenheimer Allee 162 ein Seminar zum Ordnungswidrigkeitenrecht. Richterin Benita Marker wird über Fehler bei Abstands- und Geschwindigkeitsmessverfahren referieren und die Fragen der Teilnehmer beantworten. Ein weiterer Schwerpunkt des Seminars wird darin liegen, dem Verteidiger Tipps zur richtigen Beweisantragstellung zu vermitteln. Das Seminar eignet sich als Fortbildungsveranstaltung für Fachanwälte für Strafrecht, es dauert 3 Stunden und kostet 70 Euro (40 Euro für Mitglieder des Forum Junge Anwaltschaft). Wer weitere Informationen haben möchte, wendet sich bitte an mich unter k.rueber@t-online.de

Der Anfangsverdacht: das unbekannte Wesen

Es beginnt so, wie es bei diesen Junkie-Lebensbeichten immer beginnt. Der geläuterte Kiffer sitzt warm und trocken hinter schwedischen Gardinen und erzählt, was er so weiß oder zu wissen glaubt. Es werden alle möglichen Bekannten als Dealer verpfiffen.

Zu meinem Mandanten sagt er nur, daß der auch regelmäßig handeln würde und seine Stammkunden hätte. Er würde aber schlechtes Zeug verkaufen. Den darin liegenden Widerspruch, daß man mit schlechter Ware kaum Stammkundschaft aufbauen kann, erkennt keiner.

Taten, Zeiten, Mengen, Käufer oder andere interessante Sachen, die man zur Konkretisierung brauchen könnte, erzählt er nicht.

Gleichwohl reicht dies einem Richter für einen Durchsuchungsbeschluß. Als Begründung dient sinngemäß die Lebensweisheit „Schaun mermal, dann sehn mers schon!“ Es war aber nichts zu sehen, bei der Durchsuchung wurde nichts gefunden, was meinen Mandanten belastet.

Nun bin ich mal gespannt, ob der „Kronzeuge“ nicht noch so lange befragt wird, bis ihm genaue Daten einfallen…