„Wieso krieg’ ich fünfeinhalb Jahre?“

22. Januar 2008

Prozess gegen Räuberbande:
Angeklagte versucht vergeblich, ihren Anwalt loszuwerden

„Alle wollen mich zerfressen hier! Ich habe niemanden, der mich vertritt!“ Die 36 Jahre alte Frau, soviel war klar, fühlte sich allein und verraten auf der Anklagebank des Darmstädter Landgerichts.

Dabei saßen neben ihr vier Mitangeklagte, deren Rechtsanwälte – und zur Linken auch der eigene Verteidiger Emanuel Schach aus Frankfurt. Zu dem aber, das machte die Sechsunddreißigjährige gestern unmissverständlich deutlich, war das Vertrauensverhältnis offenbar heillos zerrüttet – so gründlich, dass die Angeklagte schon vor Verhandlungsbeginn per Fax an die 15. Strafkammer darum bat, Schach von seiner Aufgabe als Pflichtverteidiger zu entbinden und den Prozesstag abzusagen.

„Er arbeitet nicht in meinem Interesse“, sagte die aus Kroatien stammende Sechsunddreißigjährige am Mittwoch auf Befragen von Richterin Barbara Bunk über Schach. Das genügte jedoch nicht: Der Antrag auf Entbindung des Pflichtverteidigers wurde abgelehnt, da keine schlüssige Begründung vorlag.

„Damit müssen Sie jetzt leben“, sagte die Richterin zu der lautstark protestierenden Angeklagten. Als diese minutenlang keine Ruhe gab, drohte Bunk ihr mit einem Ausschluss von der Verhandlung. Einen Verteidiger ihrer Wahl könne die Angeklagte doch beim nächsten Prozesstag hinzuziehen, bot die Richterin an.

Das Hauptproblem der Frau war schon am ersten Prozesstag deutlich geworden: Sie mag es nicht akzeptieren, als Teil einer Mainzer Räuberbande betrachtet zu werden, die von Herbst 2005 bis Frühjahr 2006 bei acht Überfällen auf Supermärkte im südlichen Rhein-Main-Gebiet insgesamt über 60 000 Euro erbeutete.

Die Bande ging dabei, so jedenfalls gestanden es die übrigen vier Angeklagten, stets nach dem gleichen Schema vor: Ein oder zwei weibliche Mitglieder lenkten kurz vor Dienstschluss die Kassiererinnen ab, ein oder zwei maskierte Männer bedrohten diese anschließend mit Gaspistolen, leerten Kassen und Tresore und ließen die Frauen danach an Händen und Füßen gefesselt zurück.

Am Widerstand der 36 Jahre alten Angeklagten war am Montag eine Absprache der Prozessbeteiligten gescheitert, die den Beschuldigten für umfassende Geständnisse vergleichsweise milde Haftstrafen von fünfeinhalb bis acht Jahren in Aussicht stellte.

„Wieso krieg’ ich fünfeinhalb Jahre?“, rief die Sechsunddreißigjährige in einem Wortgefecht mit Anwalt Schach während einer Verhandlungspause. „Ich hab ja nie in meinem Leben irgendjemandem etwas getan!“ Sie sei nur Fahrerin gewesen und habe von den Raubüberfällen nichts geahnt, lautete ihre Version. Die anderen vier Beteiligten erklärten allerdings, in der Bande habe jeder stets gewusst, um was es ging.

Quelle: Echo Online vom 6.12.2006

Hoffentlich hat ihr jemand mal die Figur der Mittäterschaft gem. § 25 Abs. 2 StGB erläutert.

RA Carsten R. Hoenig | Prozesse, Urteile | Kommentare | Trackback Zum Seitenbeginn springen

5 Kommentare zu “„Wieso krieg’ ich fünfeinhalb Jahre?“”

  1. 01

    Klar war das Vertrauensverhältnis vollkommen zerrüttet – er hat sie über die Mittäterschaft aufgeklärt und sie war beratungsresistent und hat erwartet, dass er die Figur der Mittäterschaft kurz mal zu ihren Gunsten ändert. Komisch, dass er das nicht hinbekommen und auch nicht machen wollte.

    Brandau am 22. Januar 2008 um 10:39
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  2. 02

    Ich finde es sehr störend, dass ihr “36″ ständig ausschreibt. Laut Duden werden Zahlen höher als Zwölf nicht ausgeschrieben. :o )

    Heiko am 23. Januar 2008 um 16:44
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  3. 03

    @Brandau: So ähnlich war es tatsächlich. Sie hat versucht, sich und mich davon zu überzeugen, dass eine Haftstrafe unter drei Jahren herauskommen müsse, damit sie sie nicht abgeschoben werde. Für das Protokoll: Es ist nach sechs Hauptverhandlungstagen nicht bei 5,5 geblieben…

    Schach am 24. Januar 2008 um 15:28
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  4. 04

    @ Heiko (# 2): Es ist ja nur in Kombination mit “…jährig” ausgeschrieben. Das ist absolut zulässig (wobei auch “36-jährige” ginge).

    BV am 25. Januar 2008 um 18:28
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  5. 05

    @Schach
    Bestimmten Mandanten kann man einfach nicht erklären, dass man bestimmte Sachen nicht ändern kann und einige nehmen dann leider an, dass man sie nicht ändern will und daher auch gegen sie selbst ist. Vielleicht sind es die Anwaltsserien, die den Mandanten das Gefühl geben, dass mit freier Argumentation vor dem Richter bzw. der Jury jeder Fall zu gewinnen ist, vielleicht ist es auch einfach nur die Angst vor den Konsequenzen, die bei 5,5 Jahren und Abschiebung ja noch irgendwo verständlich sind, aber es ist schade, weil diese Leute dann ja meist ihre eigene Lage verschlechtern.

    Brandau am 1. Februar 2008 um 16:59
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